Die Einwanderungspolitik folgt falschen Maßstäben
Von Wolfgang Herles Drei Millionen schlecht integrierter Türken in Deutschland belasten Sozialstaat und Schulen und schüren Ressentiments. Aber nehmen wir zum Vergleich die Vietnamesen. Sie sind so leistungsstark wie keine andere Einwanderergruppe.
13.02.2009 · 07:20 Uhr
Die Hälfte aller jungen Vietnamesen
schafft den Sprung aufs Gymnasium. Im Vergleich: Nur 14 Prozent der
Türkischstämmigen gelingt dies. Ausländerhass trifft aber auch
erfolgreiche Asiaten. Der Brandanschlag in Rostock-Lichtenhagen ist
nicht vergessen.
Im Osten gibt es übrigens mehr Vietnamesen
als Türken. Ihre Eltern sind als sogenannte Vertragsarbeiter ins Land
gekommen, für die der Bankrott der DDR meist den Absturz in die
Arbeitslosigkeit bedeutete. Und so sind die Vietnamesen in jeder
Hinsicht ein erstaunlicher Beweis für die Irrtümer der deutschen
Einwanderungspolitik.
Die miserable Integrationsfähigkeit der
Türken, ihre Bildungsarmut wird gern mit ihrer sozialen Misere
entschuldigt. Die Vietnamesen zeigen, dass dies keine Entschuldigung
sein kann. Auch sie kamen einst aus bildungsfernen Schichten nach
Deutschland.
Die älteren Vietnamesen sind auch nicht besser
integriert als die meisten Türken, auch sie sprechen oft kaum deutsch
und sind isoliert. Nicht wenige halten sich mit Imbissbuden über
Wasser. Aber ihren Kindern geben sie etwas mit. Unbändigen Ehrgeiz und
den festen Willen, es aus eigener Kraft zu schaffen. An vielen
Gymnasien zählen Vietnamesen zu den Besten. "Die Leistungen
vietnamesischer Schüler stehen sind in einem eklatanten Gegensatz zu
dem Bild, das wir sonst von Kindern mit Migrationshintergrund haben",
sagt etwa die brandenburgische Ausländerbeauftragte.
Ich will
nichts beschönigen. Der Leistungsdruck in vietnamesischen Familien
entspricht gewiss nicht unserem Verständnis von Erziehung. Aber
vietnamesische Eltern geben alles für die Bildung ihrer Kinder,
bezahlen häufig auch noch private Lehrer.
Warum das so ist? Die
Religion mag eine Rolle spielen. Die vietnamesische Mentalität ist
konfuzianisch geprägt. Vietnamesen zählen wie Chinesen und Koreaner
auch in den USA zu den ehrgeizigsten und erfolgreichsten
Einwanderungsgruppen. Ihr Wille zum Aufstieg in einer fremden
Gesellschaft ist stärker als die sozialen Hindernisse.
Eine
kluge Einwanderungspolitik hätte längst Konsequenzen aus diesen
Erkenntnissen gezogen. Die Deutschen machen aber nur die gescheiterte
Integration der Türken zum Maßstab ihrer Politik.
Übrigens: In
anderen Ländern, in Amerika, in der Schweiz, stehen türkische
Einwanderer in gutem Ruf. Türkische Spitzenkräfte könnten auch nach
Deutschland auswandern. Aber sie tun es nicht. Hier werden sie ja doch
nur mit den anderen Türken gleichgesetzt. Jahrzehntelang hat
Deutschland sogenannte Gastarbeiter aus der türkischen Unterschicht ins
Land gelockt. In der falschen Annahme, sie würden ohnehin nach einigen
Jahren wieder nach Anatolien zurückkehren, war ihre mangelnde
Integration geradezu erwünscht. Die Parallelgesellschaft wächst, weil
aus humanitären Gründen Familienmitglieder nachziehen dürfen. Auch die,
die nachkommen, sind überwiegend schlecht ausgebildet und belasten den
Sozialstaat.
Qualifizierten Ausländern aber werden noch immer
schikanöse bürokratische Hürden in den Weg geräumt. Ausdauernd prüft
die Arbeitsagentur, ob nicht doch gleichwertige Deutsche zur Verfügung
stehen. Prüfungen werden nicht anerkannt. Dabei gibt es längst einen
globalen Wettbewerb um die Besten. Der Wirtschaft fehlen Ingenieure,
den neuen Bundesländern Ärzte.
Nur die Deutschen haben es nicht
begriffen. So wie sie auch nicht begreifen wollen, dass der
demoskopische Wandel nicht allein mit Kindergrippen bekämpft werden
kann, sondern nur durch Zuzug junger Ausländer.
In Ländern wie
Kanada sind Einwanderer im Schnitt besser gebildet als die
Einheimischen. Das ist leicht erklärbar. Für Kriterien wie
Sprachkenntnisse, Ausbildung, Alter bekommen sie Punkte. Je höher die
Punktzahl, desto leichter die Einreise. In Deutschland wird seit Jahren
über so ein Punktesystem diskutiert, aber nichts verändert.
In
Deutschland nimmt die Zuwanderung sogar ab - und die Politiker sind
stolz darauf. Deutschland ist für arme Schlucker aus Anatolien
attraktiv, für Akademiker eher abschreckend.
Gerade weil die
Deutschen ihren Staat bis heute nicht positiv als Einwanderungsland
begreifen, ernten sie alle negativen Folgen von Einwanderung im
Übermaß.
Wolfgang Herles studierte Neuere deutsche Literatur, Geschichte und Psychologie in München. Nach seiner Promotion 1980 und dem Besuch der Deutschen Journalistenschule war er zunächst Korrespondent für den Bayerischen Rundfunk in Bonn und Redakteur des TV-Magazins "Report". Von 1987 an leitete er das ZDF-Studio Bonn und moderierte später auch die ZDF-Talkshow "Live". Er ist jetzt Leiter des ZDF-Kulturmagazins "aspekte".